Ihr seid Schuld, an meinem Tod!

Apr 22nd, 2009 | By | Category: Artikel, Kultur

der möder in mir - ein amoklauf

„Der Mörder in mir – Ein Amoklauf“, ein im Vorfeld schon viel diskutiertes Schauspiel. Schon die Premiere am Freitag war ausverkauft. Wir haben uns am gestrigen Samstag auf dieses schwierige Thema eingelassen und waren beeindruckt.

Wir kommen zum Eingang der Aula des Gymnasiums, dort verweisen uns Wegweiser auf den Hintereingang, direkt hinter der Bühne. Und schon jetzt merken wir, dass das heute nicht irgendein gewöhnliches Theaterstück ist – heute ist alles anders. Vor dem Eingang steht dann auch schon das Publikum, rein kommt noch niemand. Erst um 19 Uhr geht es los, die Tür wird geöffnet und in kleinen Gruppen werden die Zuschauer eingelassen, um sich direkt mit jeweils einer der Darstellerinnen auf den Weg in eine andere Welt zu machen.

der möder in mir - ein amoklauf

Wortlos werden wir in eine kleine Umkleide geführt, dicht an dicht stehen wir dort – beinahe in eine Ecke gedrängt. Dann startet eine Präsentation, direkt an die Tür vor uns gebeamt. Wir sind mitten in einer Talkshow, das Thema: der Amoklauf in Emsdetten. Der Auslöser: angeblich Killerspiele. Wir sehen Szenen aus eben diesen Killerspielen. Dazu agressive Rockklänge, zwischendurch aber auch eher nachdenkliche. Wir sehen einen durchdrehenden PC-„Freak“. Immer wieder erscheint der Ausspruch „ICH SCHEISS AUF EUCH!“. Zum Schluss sind Bruchteile aller Ausschnitte schnell durcheinander geschnitten, fast ineinander verschwommen – und man ist irgendwie froh, als es vorbei ist.

In den Medien sind ständig Killerspiele Schuld, wenn es wieder zu einem Amoklauf kommt, aber stimmt das überhaupt? Gerade erst, bei dem Amoklauf an der Virginia Tech, gibt es viele Spekulationen über Auslöser, Killerspiele waren gleich die erste Vermutung – eine Fehleinschätzung, konnten auf dem PC doch keine Spiele gefunden werden. Überhaupt sind Amokläufer auch immer männlich. Dabei gab es doch auch schon Amokläuferinnen. Diese Fragen schwirren jetzt in meinem Kopf umher, während wir weiter auf die Bühne geführt werden.

Genau, wir werden auf die Bühne geführt, nicht etwa in den Zuschauerraum – wir sind also mitten im Geschehen. Und das Geschehen passiert bereits. Direkt vor uns sind die vier Akteurinnen des neunten Jahrgangs. Drei sitzen mit dem Rücken zu uns auf einem Sofa, die vierte steht seitlich vor einer Kamera, ihr Gesicht wird an die Decke über dem Zuschauerraum projeziert. Jede hat ihr ganz persönliches Problem, welches sie immer wieder ausspricht.
“Weißt du, wie es ist, durch die Straßen zu gehen und unsichtbar zu sein, für andere nicht zu existieren?“
“Weißt du, wie es ist, dich im Spiegel zu betrachten, bis du darin verschwimmst und trotzdem nicht zu wissen, wer du bist?“
“Weißt du, wie es ist, in einem Raum voller Menschen zu sitzen und trotzdem einsam zu sein, sich an eine Zigarette zu klammern, nur um beschäftigt zu wirken?“

der möder in mir - ein amoklauf

Zu dramatischen Geigenklängen werden alle Probleme ständig wiederholt. Eindringlich, ohne Pausen, immer wieder hintereinander weg. Dann kommt Bewegung in eine der Schauspielerinnen. Sie steht auf, hüpft auf dem Sofa auf und ab und springt schließlich herunter. Sie wendet sich einem Stofftier zu, scheinbar die einzige Person, mit der sie reden kann. Es symbolisiert ihren Bruder, von dem sie erzählt, dass er nun als Engel im Himmel sei. Und sie erzählt von ihren Eltern, die sie ständig mit ihm vergleichen. Diese Eltern scheinen nicht über ihre Trauer hinweg zu kommen und vernachlässigen ihre Tochter. Aber was bewirkt das in ihr?

der möder in mir - ein amoklauf

“Fast hätte ich mich wie irgendein anderes Mädchen gefühlt, das ist meine Schwäche, denen zu glauben, die mir schmeicheln.“ Dieses Problem schwirrt im Kopf der zweiten jungen Schauspielerinnen herum. Eine Freundin wollte aus ihr ein Schönheitsideal machen, doch das schlägt ins Gegenteil um. “Ich hasse sie, wie ich sie hasse, diese Frau wird untergehen und das ist gut so!“

Die nächste Akteurin rollt sich wie gefangen in ihren eigenen Gedanken auf dem Sofa hin und her. Sie hat Probleme in der Schule. „Alle starren mich an. Warum? Eben war ich noch unsichtbar. Und jetzt… der Mittelpunkt der alle Blicke fängt.“ Eine Außenseiterin, ein Nichts, niemand will mit ihr reden, sie ist ganz alleine. Außerdem ist da noch dieser Lehrer, den sicher jeder von uns kennt. Wenn sie etwas sagt, ist es immer falsch. Bei jedem anderen wäre es natürlich richtig gewesen.

der möder in mir - ein amoklauf

„Sie wissen nicht, was ich denk.
Sie wissen nicht, was ich fühle.
Sie wissen nicht, wer ich bin.
Sie wollen es wissen.
Ich weiß es selber nicht…“

der möder in mir - ein amoklauf

„Wenn man weiß, dass man in seinem Leben nicht mehr glücklich werden kann, und sich von Tag zu Tag die Gründe dafür häufen, dann bleibt einem nichts anderes übrig, als aus diesem Leben zu verschwinden. Und dafür habe ich mich entschieden. Es gibt für mich jetzt noch eine Möglichkeit, meinem Leben einen Sinn zu geben.“ Ein Zitat aus dem Abschiedsbrief von Bastian B., dem Amokläufer aus Emsdetten, vorgetragen von der vierten Akteurin, durch die Kamera.

“Ihr seid Schuld, an meinem Tod!“
“Ich zahle ihnen alles heim!“
“Liebst du mich, Mutter?“

der möder in mir - ein amoklauf

Unterlegt mit Gitarrenklängen, rebelliert jede auf ihre eigene Weise. Die erste fängt an, ihrem Stofftier den Kopf abzureißen, es zu zerfetzen, ihren Bruder umzubringen, um anschließend den Kopf aufzusetzen – in seine Rolle zu schlüpfen. Die nächste kümmert sich fanatisch weiter um ihren Körper und und symbolisiert eine Glatze, verliert ihre Persönlichkeit. Erst schminke ich mich, dann stecke ich die Handgranate in die Tasche. Die dritte fängt an sich mit roter Farbe zu beschmieren und sich, wie in Blut, darin zu wälzen. Und die vierte greift zur Pistole der ersten – und schießt!

Diese Tätigkeiten halten einige Minuten an. Dann ist Schluss. Langsam lösen sich die Zuschauer aus ihrem Bann und applaudieren. Die Schauspielerinnen verbeugen sich – und dann verschwinden sie und lassen uns alleine mit all unseren Gedanken.

Alles in allem durchaus ein sehenswertes Stück, das nicht wertet und jedem Zuschauer die Möglichkeit zur individuellen Auseinandersetzung mit dem Thema gibt. Die symbolischen Probleme der Darstellerinnen Ann-Christin Piel, Mona Spitzkowski, Johanna Middendorf und Nicola Wegener, die zwischen 14 und 15 Jahre alt sind, wurden im Vorfeld zum Teil aus persönlichen Erlebnissen, aber zum Großteil aus Fremdtexten zu vier unterschiedlichen Rollen zusammen geschrieben. Sie werden in zugespitzter Form sehr abstrakt dargestellt und sind nicht sofort für jeden verständlich. Sie regen zum Nachdenken an und wirken sehr drastisch.

der möder in mir - ein amoklauf

Im Vorfeld gab es besonders am Gymnasium viele Diskussionen um das Stück, hauptsächlich um die Absage der geplanten Schülervorstellungen für die Jahrgänge 9 und 10. Sowohl die Meinungen der Lehrer, als auch der Eltern und Schüler drifteten teilweise weit auseinander. Ich persönlich kann die Absage durchaus nachvollziehen. Ich finde es verständlich, niemanden dazu zwingen zu wollen, sich ein solches Stück anzusehen. Auch, dass die Schulleitung nicht die Verantwortung für mögliche Folgen einer Pflichtveranstaltung übernehmen möchte, halte ich für nachvollziehbar.

Für alle, die sich das Stück noch ansehen möchten, gibt es unter 05121 9990147 noch Karten für die letzte Vorstellung am Mittwoch, 25.04., um 19 Uhr.

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