Von Pädagogen und Mördern

Apr 22nd, 2007 | By | Category: Artikel, Kultur, SBN

Wir betreiben keine Zensur„, wird Schulleiter Andreas Unger in der Alfelder Zeitung zitiert – nein, Zensur ist es wohl nicht, die Schulaufführung für das Theaterstück „der mörder in mir – ein amoklauf“ abzusagen. Vielmehr ist es einfach nicht zu Ende überlegt und ein Mal mehr eine verpasste Chance.

Wir betreiben keine Zensur„, wird Schulleiter Andreas Unger in der Alfelder Zeitung zitiert – nein, Zensur ist es wohl nicht, die Schulaufführung für das Theaterstück „der mörder in mir – ein amoklauf“ abzusagen. Vielmehr ist es einfach nicht zu Ende überlegt und ein Mal mehr eine verpasste Chance.

Nachdem sich am vergangenen Montag die Meldung vom Amoklauf in Blacksburg breit gemacht hatte, war für viele klar, dass hier einmal mehr ein „Killerspieler“ die Realität mit seinem Computer verwechselt hatte. Generell ist immer und schnell klar, warum solche Dinge passieren – und immer hinterher.

Das Statement von Schulleiter Andreas Unger zur Absage der Schulaufführung

Niemand hätte ahnen können, dass das Stück „der mörder in mir – ein amoklauf“ – zum Vorbericht | zum Nachbericht | zur Galerie – eine derartige Brisanz erhält. Einen faden Beigeschmack könnte man sogar finden – wenn man ihn unbedingt suchen wollte (und einige scheinen zu wollen). Auf den ersten Blick ist es fast nachvollziehbar, die Schüler vor den Szenen des Stücks „bewahren“ zu müssen.
In der Zeitung wurde nur mit wenigen Worten auf das Statement aufmerksam gemacht, das auf der Homepage des Gymnasiums zu lesen ist. Doch nicht einmal auf die Adresse der Internetseite wurde verwiesen – hier hätte man schließlich nachlesen können, dass von Zensur keine Rede ist.

Vielmehr könne die Schule eventuelle private, innerste und tief greifende Probleme von Schülerinnen und Schülern nicht lösen und nach der Aufführung keine ordentliche Nachbereitung leisten, heißt es in dem Schreiben. Ja aber wo denn, wenn nicht hier?

Vermutlich (und das kann ich von dieser Stelle nur in den Text hinein interpretieren) möchte man nicht Schuld sein, wenn ein Schüler derart betroffen und irritiert ist und selbst die Lösung für seine Probleme und Empfindungen nur im Suizid oder gar einem Amoklauf sieht. Drehen wir diesen unangenehmen Spieß doch aber einmal um: Die Pflichtveranstaltung ist abgesetzt, die Schüler gehen freiwillig in die Aufführung, sind betroffen, innerlich irritiert, finden keinen Ausweg – aber niemand begleitet sie, niemand spricht mit ihnen, schließlich will sich die Schule aus der Problematik heraushalten.

Sind wir ehrlich – welcher Jugendliche sucht denn seine Eltern auf, um mit ihnen über Probleme zu sprechen? Wo wird denn eine Amoklauf-Problematik korrekt und umfassend aufgearbeitet? Für die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, sind es ausschließlich die Killerspiele, die Amokläufe herbeiführen. Hier jedoch haben wir einen organisierten eSport-Verband, in der ESL (Electronic Sports League) sind 650 000 Spieler – und nicht nur Jugendliche – organisiert, um ein Hobby zu betreiben. Verbietet bitte den Fußball – schließlich sind Fußballfans ohnehin alles Hooligans mit dem Hang zum Rechtsradikalismus und darüber hinaus auch noch derart gewaltbereit, dass sie sich gegenseitig – und Unschuldige – tot schlagen!

Doch ohne polemisch werden zu wollen, lieber einmal zurück zur Chance, die bestanden hätte. Ein Theaterstück – mag es gut oder schlecht gemacht sein – zum Anlass zu nehmen, die letzten Bluttaten zu hinterleuchten und – gemeinschaftlich mit den Schülern – Präventionsmaßnahmen zu erarbeiten. Eine Schule hat von Podiumsdiskussionen über Arbeitsgruppen bis hin zu Facharbeiten jede Chance sich ernsthaft mit der Thematik auseinanderzusetzen. Vertreter des eSports-Verbandes, Sportbund, Sondereinsatzkommandos und viele mehr hätten – auf Einladung und wenn es wirklich gewollt gewesen wäre – sicherlich zur Seite gestanden, um sich den Fragen der Schüler zu stellen und der einseitigen Sichtweise ein breites Spektrum zu geben.

An dieser Stelle ein kleiner Einschub, mit dem die Theatergruppe in Ihrer Vorankündigung zu provozieren versucht hat:

Amokläufer sind böse Menschen.
Amokläufer spielen Egoshooter.
Amokläufer sind männlich.

Ein Screenshot aus einem Match des ersten mTw-Teams. Lange ist es her - und die Pings sind heute auch besser!

Gerade in Alfeld besteht als Hochburg des eSports eine einmalige Chance. Sebastian -Nykon- Korger, Kai -CiT- Thrun, Michael -Speiky- Schmidt, Carsten -cronix- Fellmann und Mirko -zaci- Gyger waren nicht nur das erste CounterStrike-Team des Gaming-Clans mTw und haben eSport-Geschichte geschrieben – sie sind darüber hinaus alles Alfelder! Zwei Anmerkungen dazu: Für Podiumsdiskussionen hätten sich die Jungs sicherlich Zeit genommen, zum anderen: Wie viele Amokläufe haben die Fünf in Alfeld eigentlich schon ausgelöst?

Die ernsten Bedenken vieler Kolleginnen und Kollegen, des Personalrats, des Präventionsrats und der Beratungslehrer erscheinen mir nicht unberechtigt„, heißt es in dem Entschuldigungsschreiben auf der Homepage des Gymnasiums. Ernste Bedenken, dass man es als ausgebildeter Pädagoge nicht schafft, sich mit einem Thema auseinander zu setzen, Schülern zu helfen und seine Scheuklappen nicht ablegen kann? An dieser Stelle muss die Frage erneut und umso nachdrücklicher lauten: Wenn es ausgebildeten Pädagogen – und das sind Lehrer doch, oder? – nicht möglich ist, Schülern Ängste und Sorgen zu nehmen, wie soll es dann Eltern gelingen, die – gerade in einem recht schwierigen Alter – doch erst Recht keinen Zugang zu ihren Kindern bekommen?

Kann man sich als Lehrer ernsthaft mit erhobenem Zeigefinger vor Schulklassen stellen und die Problematik des dritten Reichs aus zerfledderten Mappen, die vor 15 Jahren einmal erstellt wurden, herunter beten und vor der Gegenwart die Augen verschließen?

Ich lese immer und immer wieder die Begründung der Schulleitung und erinnere mich zwangsläufig zurück an meine Schulzeit mit einem Biologielehrer, aus dem es manchmal nur so herausplatzte: „Gut überlegt Rogat, aber total falsch!“ Das gebe ich an dieser Stelle einmal gerne weiter und füge hinzu: „Setzen! Wieder eine Chance verpasst!„.

Ein Kommentar von Matthias Rogat

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