Extremliedermaching in Göttingen

Feb 8th, 2009 | By | Category: Artikel, Kultur, Musik

Am Wochenende war es wieder so weit, ein Festival der besonderen Art stand an. Denn im Göttinger Café Kreuzberg gab es wieder zwei Abende volles Programm mit ganz viel Liedermaching, ganz viel Spaß und ganz wenig Sauerstoff beim Nichtbeschissenen Göttinger Liedermacherfestival.

Nachdem wir letzes Jahr das erste mal beim Göttinger Liedermacherfestival waren, war uns klar, dass wir uns das auch diesmal nicht entgehen lassen. Also machten wir uns letzten Freitag wieder einmal auf den Weg in ein Wochenende Liedermaching pur.

Im Café Kreuzberg angekommen, treffen wir auch sofort auf bekannte Gesichter, denn ein Großteil der Künstler vom letzten Jahr steht auch jetzt wieder im Programm. Wenig später geht es dann auch los. Im Obergeschoss versuchen Rotten Flesh Better Than Fresh den Anfang zu machen, und nachdem dann die provisorischen Klebepunkte ihren richtigen Platz auf dem Gitarrenhals gefunden haben, schaffen sie es auch und begeistern mit reiner Frauenpower, die anschließend von Jana Ballenthien fortgesetzt wird. Bei den beiden Oldenburgern von Spieltrieb wird es dann voller und die Stimmung steigt weiter. Phlipp und Lennart nehmen die Zuhörer mit in die Sekte des Liedermachings und später darf Philipp dann noch Jess unterstützen, der den wohl treffendsten Spruch des Abends liefert. Da die Luft langsam dichter wird und der Sauerstoffgehalt sinkt, wodurch sich bald auch vor der Bühne das gleiche Luftgemisch, wie im fensterlosen Backstageraum, breit macht, verleiht er der Veranstaltung spontan den Titel „Apnoe-Festival“.

Als Rüdi danach an der Reihe ist, füllt sich der Raum noch mehr, schließlich steht nun einer der absoluten Höhepunkte an. Nach einem Kreislaufabsturz gerade erst angekommen, darf er direkt auf die Bühne und entscheidet sich spontan für ein ruhigeres, dafür aber sehr emotionales, Set. Mit „Rangsdorf“ schließt er ab und es folgen zwei Rangsdorfer, die er höchstpersönlich überredet und mitgebracht hat. Soda Light machen Akustik Punkrock und haben durchaus Ohrwurmpotential. Anschließend geht es ins Untergeschoss, wo Kalter Kaffee, die Neuentdeckung des letzten Jahres, gerade einheizen. Totte lässt es sich nicht nehmen, seine Begeisterung und Sympatie in Form einer Hip-Hop-Gasteinlage auszudrücken, bevor er nach Janina gemeinsam mit seinem Vermieter und Monsterkollegen Fred das offizielle Programm für heute beenden darf. Die beiden Sorgen noch einmal ordentlich für Stimmung und als diese auf dem Höhepunkt ist, geben sie die Bühne für den Rest der Nacht frei. Das nutzen dann besonders die Gäste, die nicht mehr ins offizielle Programm gepasst haben und so spielt z.B. Onkel Hanke, der sein Blasorchester seit letztem Jahr noch aufgestockt hat, und auf Wunsch des Publikums improvisieren Rüdi, Totte und Philipp auch noch „Ich trink dich schön“. So geht das Ganze bis in die frühen Morgenstunden weiter, bis auch die letzten noch für ein paar Stunden erschöpft einschlafen.

Am Samstag startet das Programm erst später, da das Stadtradio zuerst noch ein Liedermaching-Spezial bringt, was besonders bei den Beteiligten zu reger Begeisterung führt. Entsprechend schon gut angeheitert geht es dann los. Den Anfang darf heute Jan Sperhake machen, den viele schon kennen und bei dem deshalb auch gleich mitgesungen wird. Die Künstler wechseln dann im 30-Minuten-Takt und jeder schafft es auf seine Art das Publikum mitzureißen. Später steht auf der unteren Bühne nach Rüdi, der Schon seine Zugaben für 3, 6 und 8 Uhr angekündigt hat, dann Sven Panne am Piano. Mit bluesigen Tönen und heiserer Stimme bringt er dem Zuhörer auf freche und beeindruckende Weise die Freiheit eines Liedermachers näher. Anschließend verkündete Lennart von Spieltrieb mir freudestrahlend „und jetzt kommt der Orkan“ und er soll Recht behalten. Denn was Johanna Zeul da jetzt auf der Bühne bietet, entzieht sich wohl jeglicher Vorstellungskraft. Die Frau rockt einfach und das richtig. Wer vor dem Auftritt draußen bei Minusgraden im T-Shirt durch die Gegend hüpft, um in Stimmung zu kommen, kann ja auch nur rocken, und wer während des Auftritts dann auf der Bühne duscht, erst recht.

Nach dem Orkan sind Anna und Mirja an der Reihe, die sich seit letztem Jahr einen Namen zugelegt haben und jetzt Verspielt sind. Zum Schluss zeigen Kalter Kaffee nochmal, was sie können, spielen sämtliche Zugaben und geben danach die Bühne endgültig frei. Natürlich spielen alle noch mindestens ein Mal, natürlich gibt Rüdi fast pünktlich seine Zugaben und natürlich gibt es auch noch einige Überraschungen. So versammelt sich beispielsweise ganz plötzlich alles vor der oberen Bühne, auf der ein Künstler steht und seiner Gitarre Töne entlockt, die eigentlich verboten gehören – denn wenn selbst ein Herr Bierhorst ungläubig auf die Bühne starrt und – wohl aus Selbstzweifel – nur noch lachend den Kopf schütteln kann, dann will das schon was heißen.

Wir genießen die Nacht noch ein wenig, lernen viele nette Leute kennen und haben schließlich noch das Vergnügen ein Auto zu betrachten, das mit einer Motorhaube geschmückt ist, die, Dank einer Wette, Platz für zahlreiche Liedermacher-Autogramme bietet, bis sie eines Tages inklusive Reinhard Mey Unterschrift, aufpoliert im Wohnzimmer ihres Besitzers stehen wird. Erst, als es schon fast hell wird, schaffen wir es, uns von der gemütlichen, familiären Atmosphäre und all den Leuten, die diese so einzigartig machen, loszureißen und machen uns müde aber glücklich auf den Rückweg.

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